Über unseren "Energietank" und warum 200 % manchmal schlechter ist als 80%





Dieser Post steht schon lange auf einer "To-write" Liste in meinem Kopf. Vor zwei Jahren wurden mir die Augen geöffnet und ich möchte, dass ihr ebenfalls etwas aus diesen Gedanken mitnehmt - natürlich nur wenn ihr wollt.
Ich bin jemand, der alles will. Alles gibt und alles erreichen will. Aber alles zu geben ist manchmal genau das, was uns daran hindert, unsere Ziele zu erreichen.

Wirklichen Stress habe ich mir erst ab meiner Abivorbereitung gemacht. Ich habe mit 18 Abi gemacht und war ab 16 in der Oberstufe, Leistungskurse: Mathe und Musik. Mir hat Mathe zwar (fast) immer Spaß gemacht, außer in der 8. Klasse, als ich eine 5 auf dem Zeugnis in Mathe hatte, was meine Versetzung gefährdet hat. Mit diesem "Aha-Erlebnis", "ich bleibe fast sitzen", vor Augen habe ich mich von morgens bis abends hingesetzt und soviel Mathe gelernt, dass ich in der nächsten Klausur eine 1- geschrieben habe. Ab da wusste ich : Es ist nicht nur Talent, sondern auch Fleiß. Vorher war ich eher eine faule Schülerin, die sich auf ihrem Wissen etwas ausgeruht hat. Ich habe die Schule bis dato eher nebensächlich behandelt und mich primär meinen unzähligen Hobbies (Cello, Klavier, Reiten, Triathlon) gewidmet (Wann hatte ich eigentlich soviel Zeit, sovielen Hobbies nachzugehen? Wer selbst reitet oder Triathlon macht, weiß, wieviel Zeit dies in Anspruch nimmt)

Aber ab dieser 5 auf den Zeugnis wusste ich auch: Auch wenn du einen überdurchschnittlich hohen IQ hast, wird dir doch nicht alles zufliegen im Leben. Ab diesem Moment zweifelte ich an mir und meinem Können. Ich vertraute mir nicht mehr. Ich verlor mein vorher unerschüttliches Vertrauen in mich und meine Leistungen. Ich traute mir nichts mehr zu. Und fing an, für jede Note hart zu arbeiten. Dieses Ereignis hatte also sowohl positive als auch negative Auswirkungen für mich. Mein Ehrgeiz erwachte. Nicht nur in schulischer Hinsicht, sondern auch in persönlicher und sportlicher. Ich fing an, den Sport ernst zu nehmen. Vorher bin ich immer ins Training gegangen um möglichst viel Spaß mit meinen Freunden zu haben. Wir sind gerne geschwommen, aber bei den Tempoläufen haben wir uns vor unserer Trainerin hinter einer Turnmatte versteckt um nicht laufen zu müssen. Total clever.

Ich fing an zu laufen. Ich fing an, mir die Sachen anzuziehen, die ich anziehen wollte. Ich fing an, kein Außenseiter mehr in der Schule zu sein und passte mich an. Ich fand Freunde in der Schule. Ich nahm ab. Ich nahm zu viel ab. Ich hatte meinen ersten Freund. Und plötzlich war ich 18 und das Abitur stand vor der Tür. Und ich hatte Angst. Ich fing an zu büffeln - wie eine Bekloppte. Außer ein- bis zweimal täglich laufen (meistens 30 Minuten bis eine Stunde pro Einheit, eine Stunde am Tag musste ich laufen - merkt ihr, wie krank das alles war?) und lernen stand nichts auf dem Plan. Ich vernachlässigte meine Freunde. Ich wollte nichts mehr machen. Ich wollte einfach nur in meinem Zimmer sitzen und lernen. Und ein gutes Abitur mit einer 1 vor dem Komma machen. Ich hörte auf zu essen. Das Ganze ging so weit, dass ich 47 Kilo wog, bei einer Körpergröße von 1.72 (aktuell wiege ich 70-71 Kilo, ein Gewicht, mit dem ich mich wohl fühle). Ich aß keine Kohlenhydrate mehr. Meine Mutter jubelte mir Haferflocken unter. Ich hatte Haarausfall, meine Haut schuppte sich. Mir war ständig kalt. Ich war immer müde. Ich konnte nichts mehr lange mit meinen Freunden unternehmen, weil ich schlafen musste. An manchen Tagen ging ich schon um 19.00 ins Bett. 

Das Abitur setzte mich unter Druck. Aber am schlimmsten waren die beiden mündlichen Prüfungen, bei denen ich drei Lehrern gegenübersaß. Und ich weinte. Ich konnte einfach nicht mehr. Ich bestand mein Abi mit Ach und krach mit 1.9. Die mündlichen Noten rissen mich mehr runter, als mich hochzupushen (so, wie es eigentlich der Normalfall war). Und ich merkte langsam, dass mein Weg der falsche war. Mit mehr Entspannung und Erholung und weniger Mich-selbst-stressen hätte ich das Abitur deutlich besser bestehen können. 


All children should be taught to unconditionally accept, approve, admire, appreciate, forgive, trust, and ultimately, love their own person.



Im Studium lief es anfangs ähnlich ab. Ich lernte wie eine Bekloppte und wurde mit sehr guten Noten belohnt. Bis meine Mutter mir mitteilte "Feli, du musst das Tempo im Examen an den Tag legen und bis dahin durchhalten. Schalte einen Gang zurück. Erhol dich." Und sie hatte Recht. Nach und nach wurde ich "fauler" - im positiven Sinne. Ich widmete mich wieder anderen Dingen: Reisen, Arbeiten, Freunden, diesem Blog und dem Sport. 

Im Sport legte ich den selben Ehrgeiz an den Tag - mit dem Erfolg, dass mir die Lust am Sport gehörig verging. Sport war nur ein weiterer Punkt auf meiner schier unendlichen To- Do-Liste. 
Und es laugte mich noch weiter aus.

Gerade jetzt in der Examensvorbereitung kann ich nicht so viel, so hart und so lange trainieren, wie noch letztes Jahr. Die Zeiten, in denen ich 3 x schwimmen, 2x radfahren und 4x laufen konnte in der Woche sind vorbei. Ich bin dauernd müde, schlapp und kaputt. Ich ernte mehr Muskelkater und müde Beine als in der Zeit davor. 


Denn: Wir alle haben nur begrenzt Energie. Ich stelle mir unsere verfügbare Energie wie ein Auto vor, welches betankt werden muss, um zu fahren. Ich bin mein Auto, meinen Energietank lange auf Sparflamme gefahren und habe nie nachgetankt. Voll auftanken gönne ich ihm selten. Lieber nur ein bisschen und das dann sofort verbraten, sodass ich wieder auf Sparflamme laufe. 
Alle meine Aktivitäten kosten Energie. Lernen. Sport. Das tägliche Leben. 
Das geht soweit, dass ich an manchen Tagen alltägliche Dinge nicht bewältigen kann - oder will. Ein Einkauf im Supermarkt erscheint nicht machbar. Ein Telefonat ist zu anstrengend. Ich brauche meine Ruhe. 

Also habe ich mir vorgenommen, mehr auf mich zu achten. In Kauf zu nehmen, dass ich dann unzufriedener mit mir, meinen Leistungen, meinem nicht erreichten Tagespensum bin und dafür nach und nach meine Energiereserven auflade. Wieder wacher werde. Wieder ausgeruhter. Damit ich endlich wieder weiß, wie es sich anfühlt, "energiegeladen" zu sein. Fit zu sein.



Outfit:
Kleid - H&M
Uhr - Cluse


Danke an Erika für die wundervollen Bilder!
Fotos : Erie Ehrenberg (Facebook / Instagram)


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