Stop being so hard on yourself




Ich kann mich kaum bewegen vor lauter Muskelkater und habe keine Lust auf irgendwas. Heute Abend bin ich zum Radfahren verabredet, darauf freue ich mich. Entspannt eine Runde durch den Rheingau fahren. Allerdings sollte ich heute eigentlich noch schwimmen gehen? Schließlich komme ich derzeit nur noch 2 Mal die Woche zum Schwimmen und diese Woche war ich erst einmal. Meine Motivation darauf ist in etwa 0, ich habe keine Lust auf Bewegung, Anstrengung, meine Muskeln tun weh, mein Kopf tut weh und ich bin erschöpft. Jeder Sportler kennt dieses Gefühl - wenn man es mal wieder ein bisschen übertrieben hat im Training und der Körper eigentlich Ruhe braucht.

Mir diese Ruhe dann zu gönnen, fällt mir schwer. Entweder schiebe ich Ruhetage auf Tage, an denen ich 8-10 Stunden arbeite und entweder im Runners Point herumrenne oder am Beckenrand. Oder ich fahre den Weg zur Arbeit (hin & zurück 30km) gesamt mit dem Rad. Mir wirklich Ruhe zu gewähren, nichts zu tun, herumzuliegen, schaffe ich selten.

Und wenn ich mal keinen Sport mache, ist das schlechte Gewissen nicht weit, ich ernähre mich 100% "clean", streiche Kohlenhydrate an solchen Tagen fast komplett vom Speiseplan - trotz des Wissens, dass Kohlenhydrate mich nicht dick machen. Gewohnheiten sind eben manchmal stärker als das Wissen, das es anders eigentlich sinnvoller wäre. 
Die Gedanken "Ich bin unsportlich, ich bin fett, wenn ich keinen Sport mache" "So wirst du nie schneller" etc kommen ganz von alleine. 

Sport und Bewegung aus Zwang, statt aus Freude. Ich habe dieses Jahr mehr trainiert als letztes, zwar war ich 5-6 Einheiten aus Krafttraining, lockerem laufen und schwimmen gewöhnt, aber das Triathlontraining mit 3 x Schwimmen, 4 x laufen und 1 x Rad die Woche hat mir wirklich den Rest gegeben. Bis zu den Wettkämpfen hatte ich damit auch kein Problem, meine Motivation war vorhanden aber jetzt nach der Saison fühle ich mich erschöpft und habe auch keine Lust auf Sport. Und dennoch greife ich täglich zu den Sportsachen, quäle mich ins Schwimmbad, obwohl ich keinen Spaß am Schwimmen finde, verschiebe meinen Laufplan soweit wie möglich nach hinten, um nicht loslaufen zu müssen und möchte mich am liebsten ins Bett legen. Ein Grund weshalb ich diese Woche nur 3 x laufen, 2 x schwimmen und 2 x Radfahren war - eigentlich mehr als genug, aber wenn man es anders gewohnt ist, kommt schnell das schlechte Gewissen.





Ich halte solche negativen Gedanken und Gefühle, die oft auftreten, wenn ich mich nicht an meinen Trainingsplan halte, mittlerweile aus, halte Rücksprache mit meinen Freundinnen und meiner Familie, die mich auf andere Gedanken bringen anstatt dann doch noch die Runde laufen zu gehen, so wie ich es früher gemacht hätte. 

Und dennoch: Mehrere Tage, ja eine Woche keinen Sport zu machen, gestehe ich mir nicht zu, egal wie stressig die Uni gerade ist, wie sehr ich gerade den Urlaub genieße, wie müde ich gerade bin. Lieber stehe ich zu unchristlichen Zeiten auf und quäle mich irgendwie durch ein morgendliches Sportprogramm um den restlichen Tag das Gefühl zu haben, etwas getan zu haben. Dass dieses "trainieren, um trainiert zu haben" auf Dauer eher hinderlich ist, weiß ich. Ich hätte bis heute wahrscheinlich bessere Erfolge in Wettkämpfen etc erzielen können, wenn ich nicht noch in der letzten Woche vorm Wettkampf Vollgas gegeben hätte, sondern stattdessen anständig getapert hätte.


Dass ich damit nicht alleine bin, weiß ich. Wie häufig lese ich auf diversen Fitnessblogs, dass sie keine Kohlenhydrate essen, weil diese beim Abnehmen hindern; dass sie sich Kohlenhydrate nur an Trainingstagen "erlauben". Dass diese Accounts Vorbildfunktion haben, vergessen sie, lieber streuen sie Halbwissen quer durch die Welt und stiften so Jugendliche an, die sich zu dick fühlen, sich möglichst viele Lebensmittel  zu verbieten und rund um die Uhr Sport zu treiben. Auf Instagram und in der Blogosphere ist Orthodoxie kein Fremdwort mehr, es gehört faktisch zum heutigen Leben dazu. 

 Auf Jules Vogel Instagramaccount habe ich stattdessen diesen Spruch gelesen:  “Those extra 5-10 pounds, that place where your body naturally wants to be- that’s your life.  That’s your late night pizza with your man, that Sunday morning bottomless brunch, your favorite cupcake in the whole entire world because you wanted to treat yourself.  Those 5-10 pounds are your favorite memories, your unforgettable trips, your celebrations of life.  Those extra 5-10 pounds are your spontaneity, your freedom, your love.”


Der Sport ist nicht alles. Es gibt soviele wichtigere Dinge im Leben, als die Frage wieviel kg man gerade wiegt, wie schnell man 10km laufen kann, wie oft man diese Woche im Fitnessstudio war und wieviel Gramm Kohlenhydrate man heute schon gegessen hat. 
Warum definieren wir uns so sehr über unser Äußeres ?

Auch ich habe bei Instagram als "Fitness- & Food" Profil begonnen und habe mich jetzt absichtlich davon getrennt. Natürlich geht es auf meinem Profil viel um Sport aber eben nicht nur. Denn ich bin nicht nur Sport. Ich bestehe aus so vielen anderen Komponenten, von denen Sport nur eine einzige ist. Deswegen wurde aus moderationisthekey jetzt felinipralini.





Bei anderen bin ich hingegen der verständnisvollste und vernünftigste Mensch, bei mir selbst der größte Kritiker.
 Wenn mir Freundinnen erzählen, dass sie ewig keinen Sport mehr machen konnten, dass sie die ganze Woche im Urlaub sich nicht bewegt und viel gegessen haben, finde ich das überhaupt nicht schlimm. Die betreffende Person sieht glücklich aus, hat kein Gramm zugenommen und es ist für mich "normal", sich im Urlaub zu entspannen und sich nicht unter (Sport-) Stress zu setzen. Und dennoch erinnere ich mich an soviele Urlaube, in denen ich frühmorgens aufgestanden bin um vor dem Aufstehen meiner Familie mich körperlich an meine Grenzen zu treiben und mein Gewissen mit einem Lauf zu beruhigen. Urlaube, an denen ich das leckere Buffet im Restaurant ignoriert habe, um noch dünner aus dem Urlaub zu kommen, als ich vorher war. 

Bei mir gibt es "no excuses". Und auch wenn dieser Spruch motivierend  gedacht ist, mich setzt er eher unter Druck. Denn wenn ich krank, müde, schlapp, im Stress bin, dann ist das eine Excuse. Dann ist noch früher aufstehen und noch weniger schlafen um eine Stunde laufen zu gehen, nicht das Beste was man für seinen Körper machen kann, sondern zusätzlicher Stress. 

So bin ich längst nicht mehr. Ich teile mir den Nachtisch mit meiner Schwester. Ich bestelle Pizza beim Italiener, wenn ich Lust auf Pizza habe oder esse das Reisvermicelli bei meinem Lieblingsvietnamesen, obwohl in den Reisnudeln Kohlenhydrate enthalten sind und es abends ist. Ich trinke das Glas Sekt auf der Feier - oder zwei. Wenn ich mit meiner besten Freundin am letzten Tag des Sommers unterwegs bin, esse ich gerne eine Kugel Eis mit ihr.

Wie Fit Trio geschrieben hat: "Man kann die negativen Gedanken nicht aus dem Kopf verbannen, nur lernen mit ihnen umzugehen." Und ich bin keine Seltenheit. Welche Frau ist denn heutzutage schon zufrieden und glücklich mit sich selbst, ihrem Aussehen; macht sich keine Gedanken um ihre Figur, ihren Sport oder ihre Ernährung. 

Ich jedenfalls lasse mir schon lange nicht mehr mein Leben durch meinen Sport diktieren. Sondern richte meinen Sport danach aus, wie es mir geht, worauf ich Lust habe und wofür ich gerade Zeit habe.